Halbkassette, Kassette oder nur Gelenkarmmarkise? Entscheidungsleitfaden

Kaufberatung

Halbkassette, Kassette oder nur Gelenkarmmarkise? Entscheidungsleitfaden

04. Juli 2026 · 8 Min. Lesezeit

Die drei Bauformen Gelenkarmmarkise (offen), Halbkassette und Vollkassette bauen technisch aufeinander auf – aber sie unterscheiden sich in Preis, Lebensdauer und Fassadenwirkung deutlich. Statt einer allgemeinen Empfehlung führt Sie dieser Leitfaden Frage für Frage zur passenden Bauform.

Was die drei Bauformen technisch unterscheidet

Alle drei Varianten nutzen dasselbe Grundprinzip: eine Tuchwelle, zwei gefederte Gelenkarme, ein Ausfallprofil. Der Unterschied liegt darin, wie stark das Tuch im eingefahrenen Zustand geschützt ist. Die offene Gelenkarmmarkise verzichtet auf ein Gehäuse, die Halbkassette schützt das Tuch von oben, die Vollkassette schließt Tuch und Arme vollständig ein.

  • Offene Gelenkarmmarkise: Tuchwelle und Arme dauerhaft sichtbar
  • Halbkassette: Halbschale über der Welle, Arme bleiben frei
  • Vollkassette: geschlossenes Aluminiumgehäuse, Aufbauhöhe 15–25 cm

Frage 1: Gibt es einen Dachüberstand über der Markise?

Der wichtigste Faktor ist nicht das Budget, sondern das Wetter, das auf die eingefahrene Markise trifft. Steht die Markise unter einem mindestens 60 cm tiefen Dachüberstand, sind Regen und Schnee kein Thema – eine offene Gelenkarmmarkise reicht dann technisch aus. Ohne Überstand ist die Halbkassette Pflicht, bei freistehender Terrasse in Wind‑ und Regenlagen die Vollkassette.

  • Dachüberstand ≥ 60 cm → offene Bauform genügt
  • Kein Überstand, geschützte Süd‑Terrasse → Halbkassette
  • Freistehende West‑/Nordwest‑Terrasse → Vollkassette

Frage 2: Wie oft ist die Markise ausgefahren?

Wird die Markise fast täglich in der Sommersaison ausgefahren, verbringt das Tuch die meiste Zeit in Betrieb – der Schutz im eingefahrenen Zustand ist weniger kritisch. Wird sie dagegen nur an einzelnen Wochenenden genutzt, steht sie 300+ Tage im Jahr eingefahren an der Fassade. Dann rechnet sich jede Schutzstufe schneller.

Frage 3: Welche Breite und welcher Ausfall sind geplant?

Ab 5 m Breite oder 3,5 m Ausfall wird die offene Bauform mechanisch grenzwertig – das Tuch hängt bei hoher Luftfeuchtigkeit stärker durch, die Reinigung wird aufwändiger. Halb‑ und Vollkassetten sind auch in Breiten von 6–7 m und Ausfällen von 4 m stabil gebaut. Bei Sondermaßen bieten viele Hersteller ohnehin nur noch Kassettenversionen an.

  • Bis 4 m Breite / 3 m Ausfall: alle drei Bauformen möglich
  • 5–6 m Breite: Halb‑ oder Vollkassette empfehlenswert
  • > 6 m Breite oder Sondermaße: fast nur Vollkassette verfügbar

Frage 4: Wie sichtbar ist die Fassade?

Bei einer straßenseitigen Fassade oder einem gepflegten Neubau ist die Optik im eingefahrenen Zustand ein echter Faktor. Vollkassetten wirken wie ein bewusst geplantes Fassadenelement, Halbkassetten sind ein Kompromiss, offene Markisen zeigen Mechanik. Bei denkmalgeschützten Gebäuden oder Bebauungsplänen mit gestalterischen Vorgaben ist die Vollkassette oft die einzig genehmigungsfähige Variante.

Frage 5: Wie hoch ist die Wand – und wie geht die Wartung?

Je höher die Markise sitzt (typisch 3–4 m über Gehniveau), desto teurer wird die Wartung. Ein Tuchwechsel an einer offenen Markise ist mit Leiter oder kleinem Gerüst in 2–3 Stunden erledigt. Bei einer Vollkassette muss die gesamte Kassette geöffnet oder abgenommen werden – Wartungszeit und ‑kosten liegen 40–60 % höher. Wer plant, das Tuch nach 10 Jahren zu tauschen, sollte das mitkalkulieren.

Frage 6: Wie eng ist das Budget – und wie langfristig ist die Planung?

Zwischen offener Gelenkarmmarkise (ab 800 € schlüsselfertig) und Vollkassette (ab 1.800 €) liegen im Fachhandel 1.000–1.500 € Aufpreis für vergleichbare Größe. Rechnen Sie über 15 Jahre gedacht: Die Vollkassette hält typischerweise 3–5 Jahre länger, spart einen Zwischentuchwechsel und ist damit oft die günstigere Lösung pro Jahr. Bei einem geplanten Umzug in 3–5 Jahren dreht sich die Rechnung um – dann ist die offene Bauform wirtschaftlicher.

  • Kurzfristige Nutzung (< 5 Jahre): offene Bauform
  • Mittelfristig (5–10 Jahre): Halbkassette
  • Langfristig (10+ Jahre) oder Neubau: Vollkassette

Typische Fehlentscheidungen – und wie Sie sie vermeiden

Zwei Muster tauchen in Beratungsgesprächen immer wieder auf: Erstens die Vollkassette „auf Verdacht“ ohne Blick auf den vorhandenen Dachüberstand – ein Aufpreis von 1.200 € für einen Schutz, den die Architektur bereits liefert. Zweitens die offene Markise am freistehenden West‑Balkon, weil sie im Angebot am günstigsten war – nach fünf Jahren steht der Tuchwechsel an, die Ersparnis ist aufgezehrt.

Kurzentscheidung nach Wohnsituation

Reihenhaus mit Dachüberstand, Süd‑Terrasse: offene Gelenkarmmarkise. Freistehendes Einfamilienhaus, Süd‑/Westterrasse: Halbkassette als Preis‑Leistungs‑Sieger. Neubau ohne Dachüberstand, West‑Wetterseite: Vollkassette. Denkmalgeschützte Fassade oder Wohnungseigentümergemeinschaft: fast immer Vollkassette, häufig in fassadenähnlicher RAL‑Farbe.

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